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Seit 60 Jahren purzeln die dänischen Klemmbausteinchen in vielen europäischen Kinderzimmern herum. Nichts ist dagegen einzuwenden. Aber für diejenigen, die dieses Universum auch einmal verlassen, aber aufs Bauen nicht verzichten wollen, hat ein Experte drei alternative Bausteinsysteme eingehend getestet.

Gastbeitrag von SABINE SCHREIBER

Es ist einer jener gefürchteten Sonntage, an welchem nicht einmal das hartgesottenste Waldkindergartenkind freiwillig das kuschlige Wohnzimmer verlassen möchte. Aber irgendwann sind Bücher und Comics langweilig geworden, alle Bilder für heute gemalt und Fernsehen will auch keiner mehr schauen. Was tun? Gottseidank gibt es noch die altbewährten Kunststoff-Bausteinwelten der dänischen Kultmarke – zum Frei-nach-Schnauze- oder Streng-nach-Anleitung-Bauen. 

Aber was, wenn das heimische Plastikklemmbausteine-Sortiment aus allen Schubladen quillt, der bauwürdige Nachwuchs trotzdem immer neue Modelle und andersartige Steine fordert – aber man nicht gewillt ist, schon wieder den aktuellsten, jedoch aufgrund langjähriger Erfahrung innerhalb kürzester Zeit zusammengebauten Monstertruck / Sportwagen / Radlader / Kettenbagger zu kaufen? Bleibt nur eins: Aus gewohnten Bahnen ausbrechen und die Kids mit neuen Herausforderungen konfrontieren. Natürlich am liebsten analog, knifflig, zeitintensiv und interessant. Die gute Nachricht: Es gibt diese Alternativen. Und ein kleiner Spezialist hat die drei besten davon auf Herz und Nieren geprüft. 

Nepomuk ist 6 Jahre alt und ein fanatischer Klemmbaustein-Ingenieur. Die Alterskennzeichnung auf den Packungen wird von ihm nur noch belächelt und sein Hunger nach haptischem Input ist enorm. Deshalb hat er mehr als gerne drei Nachmittage damit verbracht, jeweils ein völlig anderes Bausteinsystem zu testen und zu bewerten.


Geheimtipp für Anleitungsexperten und fantasiebegabte Tüftler: LaQ

Sie kommen von weit her, aus Japan, die kleinen, kombinierbaren Kunststoffteilchen, die nicht nur Kinder süchtig machen. Das Bausteinsystem heißt LaQ, sprich »Lakjuuh«. Das Besondere daran: Wenn man eine Packung öffnet, purzeln daraus lauter ähnliche Teilchen heraus. Und tatsächlich sind es nur sieben verschiedene Steinchen: eine dreieckige und eine quadratische Plättchen-Sorte sowie fünf verschiedene, käferkleine Verbindungsstücke. Lediglich drei Rädertypen und die dazu passenden Achsen komplettieren das Sortiment.

Aufs Wesentliche reduziert, wie es die Japaner gerne haben, kann man allerdings aus diesen wenigen Grundbausteinen mit ein bisschen Geschick und Abstraktionsvermögen so ziemlich alles bauen. Die Gebilde, die dabei entstehen, wirken leicht und filigran, erinnern in ihrer vielflächigen Erscheinungsform an Origami-Figuren. Man baut keine massiv montierten Körper, sondern konzentriert sich vor allem auf die dimensionale Formgebung. Die Bewältigung des Raumes wird hier anders gedacht. Flächiger. Polygonaler: Durch bestimmte Verbindungsstücke ist es möglich, Kuppeln und Bögen zu konstruieren und damit die Welt des rechten Winkels zu verlassen.

Als Einstieg empfiehlt der Entwickler, sich anfangs an zweidimensionalen Figuren zu versuchen, auch um sich an das Handling der Steinchen zu gewöhnen. Wie sich die LaQ-Teile mittels des sinnfälligen Schnapp-Klick-Systems verbinden und wieder lösen lassen, hat man allerdings schnell heraus – und kann es anschließend kaum mehr lassen. Ähnlich wie das Zerplatzen von Luftpolsterfolienbläschen besitzt das Zusammenknipsen und Auseinanderknapsen ein haptisch-befriedigendes Suchtpotential. Spezialist Nepomuk meint schon nach wenigen Minuten des Ausprobierens: »Das ist aber eine tolle Knickse- Knackse-Arbeit!«

Es bedarf keinerlei Überredungskunst, den kleinen Tüftler für das neue Baumaterial zu begeistern. Ein paar erklärende Worte zu den unterschiedlichen Teilen werden gnädig abgewartet und dann geht es los: Er entscheidet sich für das Jet-Fighter-Set mit den vorrangig blau-weiß-schwarzen Elementen, kippt die gut 200 Teile auf den Wohnzimmertisch und beginnt das beiliegende Heft  mit fünf Bauanleitungen für verschiedene Vehikel – von Flieger über Rennauto bis Motorrad – zu studieren.

Die Konstruktionspläne sind Schritt für Schritt aufgedröselt, aber anders als bei den bekannten, europäischen Klemmbausteinen muss man doch ein bisschen genauer schauen, um von der 2D-Vorlage ins 3D-Modell korrekt zu übersetzen.

Nicht selten legt sich Nepomuks Stirn in tiefe Falten und er murmelt wichtige, technische Überlegungen vor sich hin. Er versinkt völlig in seiner neuen Aufgabe und als er nach rund 45 Minuten sein erstes Modell fertig hat, beginnt er sofort mit dem nächsten. Diesmal allerdings »etwas Eigenes. Und dann mache ich den Triceratops.« Nach zwei Stunden, einem Jet, mehreren Eigenkreationen und der Drei-Horn-Echse aus dem Dino-Set erklärt er die heutige Bauphase für beendet. »Die Steine sind alle.« Zufrieden reiht er die Ergebnisse seiner Arbeit auf dem Fensterbrett auf und resümiert: »Jetzt kann ich sogar schon japanisch bauen. « 

Fazit: Warum LaQ, das schon seit zwei Jahrzehnten in Japan ein Renner ist, in Europa noch nicht endgültig Fuß fassen konnte, erscheint etwas rätselhaft. Das Klick-Schnapp-System stimuliert die Feinmotorik und die Reduktion auf eine überschaubare Anzahl an Grundbausteintypen und regt die gestalterische Fantasie an. Studien belegen, dass sämtliche Gehirnregionen aktiv sind, wenn ein Proband mit LaQ hantiert. Alle Sets sind kombinierbar und die Möglichkeiten erscheinen unbegrenzt. 

Material:  Die Teilchen sind aus sehr hochwertigem Kunststoff, werden in Japan produziert und sind vermutlich unzerstörbar – zumindest nicht durch normale mechanische Beanspruchung. 

Was Nepomuk sagt:

»Mama, gib mir mein LaQ zurück. Ich bin wieder dran!«


Für kleine Architekten und Fingerspitzenprofis: KajuSPIELBAUSTEINE

Sie waren tatsächlich meine Rettung in der Not – die KajuSPIELBAUSTEINE. Denn mir drohte nach Wochen erfolgloser Erklärungsversuche endgültig der Geduldsfaden zu reißen. Ich hatte den Fehler gemacht, meinem Sohn im Urlaub auf eine der alten, steinerne Bogenbrücken aufmerksam zu machen. Er musterte sie eingehend, zog Stirn und Nase kraus und fragte: »Und warum hält so was?« Man erklärte es ihm. Einmal, zweimal. Hundertmal. Aber wirklich zufrieden war er erst, als er die in der Bogenbauarchitektur wirkenden Kräfte im wahrsten Sinne des Wortes begreifen konnte.

Aus einem ähnlichen Grund hat der Erfinder Kai Bellinghausen die Urversion der Kaju-Steine entwickelt. Allerdings nicht für Kinder – sondern eigentlich für sich selbst: Während seiner Ausbildung zum Steinmetz experimentierte er mit kleinen Tonmodellen, um die Gesetze der Statik von Bögen und Gewölben nachvollziehen zu können.

Als Besuch mit Kindern kam, war innerhalb kürzester Zeit klar, dass in seinen Übungssteinen ein ideales Kinderspielzeug schlummerte. Inzwischen leitet der junge Mann im Rheinland eine kleine Manufaktur. Die Bausteine werden aus eingefärbtem Hartgips gegossen, ausgehärtet, und final wird jedem einzelnen Exemplar per Hand der letzte Schliff  gegeben.

Als Nepomuk den Deckel der flachen Holzschachtel zurückschiebt, betrachtet er erst einmal andächtig die feinsäuberlich sortierte Bausteinpalette, die sich farbig vor ihm auffächert. Dann nimmt er vorsichtig ein gelbes, sanft  geschwungenes Klötzchen heraus. »Die sind echt aus Stein. Und sie riechen nach Salzteig …«

Nach und nach breitet er das Sortiment auf dem Tisch aus und beäugt die neuen Bauteile. Sie haben zwar Noppen und passende Vertiefungen – aber einrasten und eine sogenannte »kraft schlüssige Verbindung« eingehen, tun sie nicht, denn die Schwerkraft  ist einkalkulierter Mitspieler. Schnell hat er heraus, dass man mit den kleinen roten Sockelsteinen beginnt und welche Bogenteile final kombinierbar sind. Auch erkennt er bald, was man neben Balance noch alles braucht, wenn man nicht nur senkrecht in die Höhe baut: »Mama, du musst da unten mal halten!« Fieberhaft  versuchen wir als Team, die Erdanziehungskraft  mit Hilfe anderer physikalischer Gesetze auszutricksen, und arbeiten uns durch die verschiedenen Schwierigkeitsgrade der bunt bebilderten Anleitungskärtchen.

Vor lauter Aufregung und Begeisterung bekommt Nepomuk knallrote Backen. Bei den vielen holterdiepolternden Fehlversuchen fällt allerdings auf, dass die Hartgips-Steinchen mehr aushalten als mein Kind – in Sachen Frustrationstoleranz ist er – bei aller Mutterliebe – noch kein souveräner Profi . Dafür punktet er im Bereich Kreativität: Als es ihm endgültig reicht mit der Zitterpartie Bogenbau in der Vertikalen, beginnt er einfach in der Horizontalen frei nach Schnauze Ornamente zu legen. Er ist so darin vertieft , dass ich mich getrost zurückziehen kann. Und als ich wiederkomme, spielt er mit Autos, Dinos und Figuren in einer Art Kaju-Gehege irgendein wildes Abenteuer auf einer Schatzinsel.

Fazit:  Die Bogenbausteine liegen gut und schwer in der Hand, haben eine angenehm natürliche und zurückhaltende Färbung und eignen sich hervorragend fürs gemeinsame Spiel. Damit zu bauen schult die Zweihand-Motorik, die Konzentration und irgendwann hoffentlich auch die Frustrationstoleranz. Neben dem Spiel mit der Statik taugen sie auch hervorragend als Baumaterial für Spiellandschaft en. 

Material:  Der Umstand, dass sie aus upgecyceltem Hartgips hergestellt und mit unbedenklichen Pigmenten eingefärbt sind, völlig plastikfrei verpackt und verschickt werden, ist eine Wohltat fürs Umweltgewissen. 

Was Nepomuk sagt:

»Und das geht also ganz ohne Kleber …«   


Für Träumer und Drauflosbastler: PlayMais

Da steht er: Der Pott mit 1000 quietschbunten Maiswürstchen. Nicht falsch verstehen: Ich habe keine Großpackung Grillgut für eine Vegetarier-Party gekauft. Nein, ich war neugierig, ob das was taugt, was aussieht wie Füllmaterial, das manchmal aus Paketen purzelt. Die Maisbausteine werden in Deutschland produziert und wohl nur aus Maisgries, Wasser und Lebensmittelfarbe hergestellt. »Ist das ein Bällebad?«, fragt mich mein Nachwuchs und steht schon fast mit einem Bein im Kübel. Ich verneine und er rührt versonnen in den bunten Flips herum, während ich erkläre, dass man diese kleinen Dinger knautschen, formen, zurechtschneiden und mit Wasser zusammenpappen kann.

Ich zeige ihm das kleine Heftchen mit Mosaik- und Figurenideen und schon ist er kaum mehr zu bremsen. Als ich aus der Küche mit einem angefeuchteten Schwamm zurückkomme, womit man die Maiswürstchen zum anschließenden Kleben anfeuchten kann, hat er schon eine bunte Schlange zusammengepickt. Ich frage ihn etwas irritiert, wie er das gemacht habe, und bekomme zur Antwort: »Mit Spucke natürlich.« Da mir alles an PlayMais unbedenklich erscheint, kann ich darüber lachen.

In Windeseile steigert sich Nepomuk von der simplen, bunten Wurst zu kleinen Tierchen und ganzen Raketen. Er rollt und schnippelt, knibbelt und klebt, bastelt und baut. Und weil ich gar nicht so recht weiß, wohin mit den ganzen Figuren (weil auch wenn sie wunderbar kompostierbar sind, in die Biotonne dürfen sie natürlich nicht gleich), beschließen wir, ein Mobile daraus zu bauen. Während ich also Holzstäbchen abmesse und Fäden spanne, modelliert Nepomuk, die Zungenspitze fest zwischen die Lippen geklemmt, was das Zeug hält. Ein Knuspern lässt mich plötzlich aufsehen: »Schmeckt ein ganz kleines bisschen nach Popcorn«, mampft der Zwerg.

Vor lauter Versenkung in unser Projekt habe ich tatsächlich die Abendessenszeit übersehen. Jetzt hat das Kind Hunger und macht sich über sein Spielzeug her. Als Nahrungsmittel ist PlayMais natürlich nicht deklariert und sicherlich auch nicht besonders geeignet. Der Selbstversuch zeigt allerdings: Mehr als eine farbige Zunge verursacht ein versehentliches Verzehren der Flips wohl nicht. 

Fazit: PlayMais macht Spaß. Es ist herrlich harmlos: Es ist ungiftig, löst sich in Wasser oder Spucke sofort auf, kann daher auch kaum verschluckt werden. Es ist geräuscharm, biologisch abbaubar und tut nicht weh, wenn man versehentlich darauf tritt. Der Staubsauger schluckt Reste wunderbar weg, und was das Beste ist: Kinder können sich damit ziemlich lange und intensiv beschäftigen. Auch allein. Wenn sie allerdings einmal herausgefunden haben, dass feuchter PlayMais so ziemlich auf jeder Oberfläche kleben bleibt, dann … ja. Dann … 

Material: Aus Maisgries wird sogenannte thermoplastische Stärke gewonnen, die sozusagen aufgepoppt wird. Mehr als Mais, Wasser und ein bisschen Lebensmittelfarbe braucht es also nicht, um die fluffigen Flips herzustellen. Man kann sie mit den Händen bearbeiten oder auch zerschneiden – und dann ganz nach Belieben mit ein bisschen Wasser zu allem Möglichen zusammenkleben. 

Was Nepomuk sagt:

»Wieso? Das Fenster sieht damit doch viel schöner aus!«


Sabine Schreiber studierte Diplomdramaturgie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und wurde durch das rigide bayerische Bildungssystem vor allem eins: eine notorische Freiberuflerin und erfolgreiche Autodidaktin. Die Mutter eines sechsjährigen Sohnes arbeitet als Autorin, Film- und Theatermacherin, Dozentin und Coach. Mehr auf: www.sabineschreiber.com.

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